Freiheit, Unterordnung, Sklavenbewusstsein

Freiheit und Sklavenbewusstsein
- Befreiung vom Sklavenbewusstsein -

Ein Gespräch zwischen His Divine Grace A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada,
einem seiner Schüler und einem Reporter eines Pariser Wochenmagazins
.

Die viel beschworene Freiheit des Individuums ist in Wahrheit ein schlechter Scherz, ein Phantasiegebilde, da wir alle den Gesetzen der materiellen Natur unterworfen sind und kontrolliert werden von Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Worin besteht dann unsere so genannte Freiheit? Ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns Gottes Gesetzen beugen, hier in der materiellen Welt und genauso in der spirituellen Welt. Missachtung und Rebellion gegen Seine Regeln sind die Wurzeln unserer Unfreiheit und allen Elends. Wer z.B. die Gesetze des Staates bricht, wird ins Gefängnis eingesperrt und seiner Freiheit beraubt. Ähnlich verhält es sich mit den Gesetzen Gottes. Wer dagegen verstößt, wird die Konsequenzen seiner Handlung durch Freiheitsstrafe erleiden müssen. Einhaltung der Gesetze Gottes ist die Bedingung für wahre Freiheit und den Zutritt zur Transzendenz.


Freiheit hinter Gittern ?

"Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will,
sondern daß er nicht tun muß, was er nicht will
." (Jean-Jacques Rousseau)

Wir lechzen nach Freiheit, aber ganz unfreiwillig müssen wir uns den gnadenlosen Gesetzen der materiellen Natur fügen. Dieser Zustand ist für die spirituelle Seele unnatürlich. Unfreiwillige, erzwungene Fügsamkeit kann uns nicht auf die spirituelle Stufe erheben. Obwohl Moral und Ethik etwas sind, denen wir scheinbar freiwillig folgen, ist doch genau genommen auch Moral ein Einschnitt in unsere Freiheit, der uns durch bestimmte materielle Umstände aufgenötigt wird. Die Seele passt nicht in diese Welt und rebelliert darum offen oder versteckt gegen jede äußere Dominanz. Sie ist so geschaffen, dass sie sich nur einem frei und vollständig unterordnen kann – dem Höchsten. Also wird der richtige Lehrer die im Griff der Illusion leidende Seele ermuntern, bestimmten Regeln zu folgen, nicht aber den weltlichen (weil sie dies nur noch mehr in Ketten zwängt), sondern den höheren spirituellen.

Reporter: Für mich bedeutet Gott Freiheit.
Srlla Prabhupada: Ja, Gott bedeutet Freiheit — vorausgesetzt, Sie ergeben sich Gott. Das ist wirkliche Freiheit.

Reporter: Aber vielleicht kann ich mit Ihren Vorstellungen von Gott nicht übereinstimmen. Vielleicht will ich Gott gar nicht verehren. Darin liegt meine Freiheit, und das ist für mich von größter Wichtigkeit.

Srlla Prabhupada: Die Freiheit eines Kindes zum Beispiel besteht darin, völlig unter dem Schutz seiner Eltern zu leben — dann besitzt es Freiheit. Ohne diesen Schutz gibt es für das Kind keine Freiheit, sondern nur Leiden. Ein widerspenstiges Kind mag denken, es brauche seine Eltern nicht — es möchte völlig frei sein. Aber solch ein Kind ist einfach ein Dickkopf oder Dummkopf. Es weiß im Grunde gar nicht, was Freiheit bedeutet. Ebenso mißbrauchen Sie Ihre Freiheit, wenn Sie sich Gott nicht ergeben. Und dann werden Sie Ihre Freiheit verlieren. Krishna sagt in der Bhagavad-gita, daivi hy esa gunamayi mama maya duratyaya: ,,Die materielle Natur ist so stark, daß sie einem nicht gestatten wird, frei zu werden." Doch weiter heißt es, mam eva ye prapadyante: ,,Wer sich Krishna ergibt anstatt Krishnas Maya, wird sehr leicht frei werden. Wenn Sie sich weigern, Krishnas Herrschaft anzuerkennen, werden Sie von Krishnas materieller Energie beherrscht werden. Wie können Sie da von Freiheit sprechen? Sie müssen sich in jedem Fall unterordnen.

Reporter: Ist das nicht eine reichlich bedrückende Form von Sklavenbewußtsein?
Srila Prabhupada: Wir wollen Sklaven Krishnas werden, und Sie wollen so genannte Freiheit. Was Sie jedoch nicht wissen: Wenn Sie kein Sklave Krishnas werden wollen, werden Sie gezwungen sein, ein Sklave mayas zu sein. Die Seele ist von Natur aus ein Sklave. Das können wir ganz praktisch beobachten: Wenn die Menschen nicht Sklaven der materiellen Natur sind, warum müssen sie dann sterben? Niemand möchte sterben, aber wir können nichts dagegen tun. Wie kann man also behaupten, wir wären frei? Aber die Menschen sind so starrköpfig, daß sie diese einfache Überlegung nicht nachvollziehen können. Sie bilden sich einfach ein, frei zu sein, obwohl sie beherrscht werden von Geburt, Alter, Krankheit und Tod.

Reporter: Aber die ganze Geschichte hindurch haben die Menschen kühn für die Freiheit gekämpft, das Leben in vollen Zügen zu genießen — die Suche nach Glück. Srila Prabhupada: Sie glauben demnach, Freiheit bedeute, der Diener seiner Sinne zu werden. Unsere Philosophie des Krishna-Bewußtseins lehrt: Werdet nicht zum Diener eurer Sinne." Und die Leute denken: ,,Aber das ist doch unsere Freiheit." Sie merken nicht, daß sie bei dem Versuch, frei zu sein, zum Diener ihrer Sinne werden. Und das nennen sie dann Freiheit! Uneingeschränkte Sinnenbefriedigung zu genießen bedeutet, der Diener seiner Sinne zu werden. Das ist mayas Täuschung. Die Menschen begeben sich freiwillig in mayas Knechtschaft und denken: „Jetzt bin ich frei." Doch das ist Illusion. Die Sinne ziehen uns an den Ohren — „Tu dies, und du wirst glücklich sein." Genauso wie ein Hund: Sobald sein Herr an der Leine zieht, muß er ihm folgen. Auf diese Weise werden die Menschen genau wie Hunde und halten sich für frei. Weil sie dumm und aufsässig sind, wissen sie nicht, was wirkliche Freiheit ist. Wir nun lehren, daß sich wahre Freiheit dann entwickelt, wenn man sich Gott ergibt.

Reporter: Ich verstehe nur nicht, wie man sich etwas hingeben kann, das man nicht kennt. Niemand kann Gott wahrhaft kennen. Man kann nicht einmal über Ihn sprechen.
Srila Prabhupada: Wir kennen Gott durch die Worte, mit denen Er selbst sich beschreibt. Wir sind nicht wie die Schurken und Halunken, die sich ihre eigenen Vorstellungen über Gott machen. Es stimmt zwar, daß ich nicht in der Lage bin, Gott zu kennen, aber in der Bhagavad-gita sagt Gott selbst: ,,So bin Ich", und das akzeptiere ich. Das ist meine völlige Ergebung an Gott. Ich weiß vielleicht nicht, was Gott ist, doch wenn Er sich selbst beschreibt, akzeptiere ich Seine Worte. Ich sage niemals: ,,Ich habe Gott verstanden", denn wie sollte das möglich sein? Ich bin begrenzt, und Gott ist unbegrenzt. Aber Er sagt, mattah parataram nanyat: ,,Es gibt keine Wahrheit über Mir." Und das akzeptiere ich. Nennen Sie das meinetwegen ,,Sklavenbewußtsein" oder wie immer Sie wollen, ich aber akzeptiere die Worte Krishnas. Anstatt mich törichterweise zu bemühen, Gott durch mentale Spekulation zu verstehen, anerkenne ich Gottes Aussage, daß Er die Höchste Person ist. Welcher Weg ist nun der bessere: wie ein Tor über Gott zu spekulieren oder die Worte Gottes zu akzeptieren? Was ist besser? Reporter: Die Worte Gottes zu akzeptieren.

Srila Prabhupada: Aha, Sie sind intelligenter als die Schurken und Halunken. Die Schurken und Halunken werden für viele Leben lang über Gott spekulieren und nichts dazulernen. Und wenn sie dann echtes Wissen erlangen, geben sie sich Gott hin. Dies wird vom Herrn in der Bhagavad-gita bestätigt — bahunam janmanam ante jnanavan mam prapadyante: ,,Wenn jemand nach vielen, vielen Leben der mentalen Spekulation echtes Wissen erlangt, gibt er sich Krishna hin." Ich habe mich Krishna bereits ergeben. Warum zögern Sie noch?

Schüler: Ein Problem ist, daß die Leute niemals eine Autorität hatten, der sie sich ergeben konnten. Selbst von ihren Eltern wurden sie fehlgeleitet.
Srila Prabhupada: Das ist wahr: Auch die Eltern sind Betrüger. Solange man sich nicht an einen Vertreter Krishnas wendet, der Krishna verstanden hat, wird der Betrug kein Ende haben. Man muß jemanden finden, der die Höchste Wahrheit verstanden hat; ansonsten wird man an einen Betrüger nach dem anderen geraten. Aber bloß weil man betrogen wurde, sollte man nicht denken, daß es keine echte Autorität gäbe. So zu denken ist lediglich eine weitere Form von Schurkentum. Jemand, der mit Falschgeld betrogen wurde, sollte nicht denken, daß es kein echtes Geld gäbe. Niemand sollte sich also täuschen lassen, nur weil er in der Vergangenheit von falschen Autoritäten fehlgeleitet wurde. Leider sind die Leute so dumm, daß sie zwischen echten und unechten Autoritäten nicht unterscheiden können. Sie halten das Echte für unecht und folgen den blinden Schurken.


"UNTERORDNUNG"
- sicherlich ein Begriff der bei manchem leichtes Unbehagen auslöst -

SRILA PRABHUPADA SPRICHT IM SEPTEMBER 1968
IM HARE-KRISHNA-TEMPEL IN SEATTLE, USA, MIT EINEM GAST.

Gast: Können sie sich näher zum Thema Unterordnung äußern?
Srila Prabhupada: Unterordnung? Ja, das ist einfach. Jeder muß sich irgend jemand anderem unterordnen. Sind sie niemandem untergeordnet?

Gast: Ja, materiell gesehen. Aber spirituell gesehen, fühle ich mich niemandem untergeordnet.
Srila Prabhupada: Wenn sie die Natur des spirituellen Lebens verstehen, werden sie begreifen, daß sie auch im spirituellen Sinne untergeordnet sind, weil es in ihrer Natur liegt, untergeordnet zu sein. Was meinen sie mit spirituell und materiell?
Gast: Nun, in meinem Beruf bin ich zum Beispiel meinem Chef untergeordnet, aber was mein wirkliches Selbst, mein spirituelles Selbst, betrifft, so fühle ich mich weder meinem Chef noch sonst jemandem untergeordnet. Mit anderen Worten, ich finde nicht, daß ich mich jemandem beugen muß oder daß sich jemand mir beugen muß.
Srila Prabhupada: Warum wollen sie sich nicht beugen?
Gast: Weil ich nicht denke, daß ich jemandem etwas schuldig bin oder daß mir jemand etwas schuldig ist.

Srila Prabhupada: Dies ist nun ein Fall von materieller Krankheit. Wir sind dazu gezwungen, uns zu beugen, und doch meinen wir, daß wir uns nicht zu beugen brauchen. Darin besteht die Krankheit.
Gast: Niemand kann mich dazu zwingen, mich zu beugen.
Srila Prabhupada: Jetzt hören Sie einmal her. Sie sagen, sie wollen sich nicht beugen - stimmt’s?
Gast: Das kann man wohl sagen, ja.
Srila Prabhupada: Wieso?
Gast: Weil ich mich niemandem unterlegen fühle.
Srila Prabhupada: Das ist die Krankheit der materiellen Existenz. Sie haben sich selbst eine Diagnose gestellt. Jedermann meint: “Ich will der Beherrschende sein. Ich will mich nicht beugen.” Jeder denkt so. Das ist nicht nur ihre Krankheit; jeder hat diese krankhafte Einstellung: “Wieso soll ich mich beugen? Wieso soll ich mich unterordnen?” Aber die Natur zwingt mich dazu, mich unterzuordnen. Warum, meinen sie, sterben die Menschen? Können Sie diese Frage beantworten?
Gast: Warum die Menschen sterben?
Srila Prabhupada: Ja, niemand möchte sterben, und doch stirbt jeder. Wieso?
Gast: Na ja, der Tod ist biologisch vorherbestimmt.
Srila Prabhupada: Das bedeutet biologischer Zwang! Sie sind der Biologie untergeordnet. Wie können sie da behaupten, daß sie unabhängig sind?
Gast: Tja, ich meine, daß ich . . .
Srila Prabhupada: Sie haben eine falsche Meinung. Darauf will ich hinaus. Sie sind untergeordnet und müssen sich der biologischen Gewalt beugen. Wenn der Tod naht, können sie nicht sagen: “Nein, ich folge dir nicht.” Deswegen sind sie untergeordnet.
Gast: Ich bin Gott untergeordnet, ja.
Srila Prabhupada: Nein, lassen sie Gott fürs erste aus dem Spiel. Gott ist weit weg. Jetzt sprechen wir von der materiellen Natur. Halten sie sich nur einmal vor Augen, daß sie, obwohl sie nicht wollen, sterben müssen, weil sie untergeordnet sind.
Gast: Ach ja, das klingt vernünftig.
Srila Prabhupada: Dann verstehen sie ihre Stellung - dass sie untergeordnet sind. Sie können nicht erklären: “Ich bin frei; ich bin nicht untergeordnet.” Wenn sie denken, daß sie nicht untergeordnet sein möchten, daß sie sich nicht beugen müßten, sind sie von einer Krankheit befallen.
Gast: Na gut. Aber wem sollte ich mich beugen?

Srila Prabhupada: Versuchen sie zunächst einmal, ihre Krankheit richtig zu verstehen. Dann werden wir ihnen die passende Medizin verschreiben. Sie beugen sich dem Tod, sie beugen sich der Krankheit, sie beugen sich dem Alter ? Sie beugen sich so vielen Dingen. Sie sind dazu gezwungen, sich zu beugen, und doch meinen sie: “Ich kann mich nicht beugen; ich mag mich nicht beugen.” Aber sie müssen sich beugen. Warum vergessen sie ihre Stellung? Diese Vergeßlichkeit ist ihre Krankheit. Der nächste Schritt besteht darin, zu begreifen, daß man jetzt, da man nun einmal gezwungen ist, sich zu beugen, schauen muß, wo man glücklich sein kann, obwohl man sich beugt. Und das ist bei Krishna. Man wird nicht aufhören, sich zu beugen, weil es einem bestimmt ist, aber wenn man sich Krishna und Krishnas Stellvertreter beugt, wird man glücklich werden. Wer sich nicht Krishna und Krishnas Stellvertreter beugt, wird sich etwas anderem beugen müssen - Maya, Krishnas materieller Natur. Das ist unsere Stellung. Zu keiner Zeit können wir frei sein.

Aber wer sich Krishna und Seinem Stellvertreter beugt, wird glücklich sein. Ein Kind zum Beispiel beugt sich stets seinen Eltern, und es ist glücklich. Seine Mutter sagt: “Mein liebes Kind, bitte komm und setz dich hier hin.” “Ja”, sagt das Kind, und es ist glücklich. Das ist das Wesen der Beziehung vom Kind zur Mutter. Auf ähnliche Weise sind Krishna und Sein Stellvertreter wie liebende Eltern, und wir gleichen hilflosen Kindern in den Fängen Mayas. Aber wenn wir uns ihnen beugen, werden wir glücklich und geborgen sein.

Man kann also nicht aufhören, sich zu beugen - das ist nicht möglich; vielmehr muß man lediglich die richtigen Personen finden, denen man sich beugt. Mehr nicht. Wenn man sich einbildet: “Ich werde mich niemandem beugen - ich bin unabhängig”, muß man nur leiden. Wir müssen uns einfach der richtigen Person beugen, und zwar Krishna bzw. Krishnas Stellvertreter.

 

Wahre Freiheit

"Wenn das Lebewesen die Fehlerhaftigkeit seines Wunsches, die materielle Natur zu beherrschen, entdeckt
und daher diesen Wunsch aufgibt, wird es unabhängig und in seiner eigenen Herrlichkeit verankert."
(Shrimad Bhagavatam, Canto 3, Kap. 27, Vers 24)

Shrila Prabhupada kommentiert dazu: Weil das Lebewesen nicht tatsächlich der Genießer der materiellen Schätze ist, wird sein Versuch, die materielle Natur zu beherrschen, letztlich in Enttäuschung enden. Als eine Folge dieser Enttäuschung strebt es nach noch mehr Macht als das gewöhnliche Lebewesen und möchte mit der Existenz des Höchsten Genießers verschmelzen. Auf diese Weise entwickelt es einen Plan für größeren Genuss.

Wenn man tatsächlich im hingebungsvollen Dienst verankert ist, hat man wirkliche Unabhängigkeit erreicht. Weniger intelligente Menschen können die Stellung des ewigen Dieners des Herrn nicht verstehen. Das Wort "Diener" verwirrt sie; sie können nicht verstehen, dass dieses Dienen nichts mit dem Dienen in der materiellen Welt zu tun hat. Der Diener des Herrn zu sein ist die höchste Stellung. Wenn man dies verstehen kann und so die ursprüngliche Natur des ewigen Dienstes für den Herrn wiederbelebt, hat man volle Unabhängigkeit erreicht. Die Unabhängigkeit des Lebewesens geht durch die Berührung mit der Materie verloren. Im spirituellen Bereich hat es volle Unabhängigkeit, und daher kann keine Rede davon sein, dass es von den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur abhängig wird. Diese Stellung erreicht ein Gottgeweihter, und daher gibt er die Neigung nach materiellem Genuss auf, nachdem er ihre Fehlerhaftigkeit eingesehen hat.

Der Unterschied zwischen einem Gottgeweihten und einem Unpersönlichkeitsanhänger besteht darin, dass der Unpersönlichkeitsanhänger versucht, mit dem Höchsten eins zu werden, damit er ungehindert genießen kann, während ein Gottgeweihter die gesamte Mentalität des Genießens aufgibt und sich im transzendentalen liebevollen Dienst des Herrn betätigt. Das ist seine wesensgemäße gepriesene Stellung. Dann wird er isvara oder völlig unabhängig. Der wirkliche isvara oder isvara paramah, der höchste isvarah oder höchste Unabhängige, ist Krishna. Das Lebewesen ist nur isvara, wenn es sich im Dienst des Herrn beschäftigt. Mit anderen Worten: die transzendentale Freude, die man aus dem liebevollen Dienst für den Herrn zieht, ist tatsächliche Unabhängigkeit."

Desweiteren kommentiert Shrila Prabhupada zu Canto 4, Kap. 28 Vers 53:

"Die natürliche Stellung des Lebewesens ist es, dem Herrn in einer transzendentalen liebevollen Haltung zu dienen. Wenn das Lebewesen Krishna Selbst werden möchte oder Krishna nachahmen möchte, fällt es in die materielle Welt hinab. ...

Indem das Lebewesen seine Unabhängigkeit missbraucht, fällt es vom Dienst des Herrn ab und kommt in die materielle Welt, um zu genießen."

Es scheint paradox zu sein: Wer sich hingibt, erlangt Freiheit. Als Gleichnis kann man Flugversuche heranziehen. Wer sich an die Regeln der Flugkunst hält, der fliegt ganz unbeschwert dahin, während das Missachten der physikalischen Gesetze ein Abstürzen bewirken wird. Natürlich ist das ein mechanischer Vergleich, jedoch gibt es auch göttliche Prinzipien der Liebe, die wir uns wieder vergegenwärtigen sollten. Wir werden dann mehr und mehr Lebensqualität und weniger und weniger Knechtschaft erfahren.

Zuletzt sei ergänzend noch angeführt:

"Dieser Missbrauch der Unabhängigkeit, den man maya nennt, ist immer möglich, denn sonst könnte von Unabhängigkeit keine Rede sein. Unabhängigkeit beinhaltet, dass man sie richtig oder falsch gebrauchen kann. Sie ist nicht statisch, sondern dynamisch ..."

(Kommentar zu Srimad Bhagavatam, Canto 3, Kap. 31, Vers 15)

 


Freier Wille und Unabhängigkeit

• Es gibt Menschen, die denken, weil Gott alles kontrolliere (3.27, 9.10) hätte dann die Seele keinen freien Willen mehr. Wenn die Seele keine iccha-shakti (die Freiheit, jeden Moment zu wählen, frei zu wünschen), dann würde sie ja nichts mehr von der Materie unterscheiden. Bewusstsein heisst Wünschen, frei zu wünschen.
• wenn man denkt, die Seele hätte keine iccha-shakti (Wunschkraft), wird man Fatalist („Ich bin schlecht, aber was kann ich schon tun? Alles ist in Händen von Gott!“) Das ist das Abtreten der Verantwortung, das Ausweichen von der Freiheit – welche immer mit Verantwortung verbunden ist – und die Rechtfertigung der gegebenen Zustände.
• wenn man denkt, die Seele hätte iccha-shakti (Wunscheskraft) und sva-tantratha (absolute Unabhängigkeit), versteht man die Wirklichkeit falsch (gemäss der Bhagavad gita ist man dann in einer falschen Wahrnehmung eigener Identität). Das wäre der Grössen- und Machbarkeitswahn.
 Die Seele hat freier Wille – aber nicht die Möglichkeit der Umsetzung der Wünsche, nicht die Unabhängigkeit. Manchmal hat sie nicht das karma dazu, oder es ist nicht der Moment dafür, oder die Umsetzung des Wunsches ist unmöglich.
 Gott hat völlige Unabhängigkeit. Er wünscht, und alles ist möglich im selben Augenblick. Es braucht ihn keine Anstrengung, den Wunsch in die Umsetzung zu lenken. Ein Name Krishnas ist satya sankalpa „derjenige, dessen Wünsche ohne Arbeit oder Aufwand Wirklichkeit sind.“
• wenn die Seele die Materie für sich selbst in Anspruch nehmen möchte, geniessen möchte, die eigentlich eine Energie Gottes ist, kommt sie unter die Kontrolle der materiellen Energie.
Und in der Ergebenheit zu Gott, in der Harmonie mit Gottes Wünschen kommt sie unter die Kontrolle der cit-shakti (Gottes innerer Energie) (9.13)
• Die Seele verliert iccha-shakti nie, auch nicht wenn sie in Pflanze oder Tier-Körper existiert. Je mehr die Lebensform von der Grundeigenschaft der Tamas geprägt ist, ist die Ausdrucksmöglichkeit dieses Willens allerdings geringer.
• gemäss Vedanta ist Moksha (die Befreiung) der Punkt, wo die Seele Sva-tantratha (Unabhängigkeit) erhält. Wie?
Weil dann der Wunsch der Seele Gottes Wunsch ist („Dein Wille geschehe“). Und er hat sva-tantratha. Deshalb ist wirkliche Moksha nur möglich, wenn man gleiche Wünsche hat mit der Person, die völlige Unabhängigkeit besitzt. Dies nennt man reine Bhakti, die folgendermassen definiert wird:

anyābhilāṣitā-śūnyaṁ jñāna-karmādy-anāvṛtam
ānukūlyena kṛṣṇānuśīlanaṁ bhaktir uttamā.


 „Reine Hingabe ist das Tun, das ohne irgendwelche materiellen Wünsche, die einem von seiner Wesensnatur entfremden –  nämlich der Ambition, irgend etwas von Gott zu bekommen und dem Flehen, vor etwas bewahrt zu werden - , rein zur Freude Gottes ausgeführt wird.“  Deshalb ist absolute Unabhängigkeit ein Nebeneffekt von Bhakti.

siehe auch:
Māyā-Śhakti  =  Die illusionierende Energie Gottes